Warum Schiedsrichter werden? – Ein Interview mit dem internationalen Oberschiedsrichter Sven Weiland

Bericht: Chiara Ullrich & Janika Schneider

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Wichtiger Bestandteil großer Sportveranstaltungen im Tischtennis sind nicht nur die Sportlerinnen und Sportler selbst, sondern auch diejenigen, die sich besonders mit den Regeln des Sports auseinandersetzen und die Einhaltung dieser garantieren. Der 47-jährige Sven Weiland, Diplom-Finanzwirt und Mitglied des TTC Uhingen, ist schon lange Teil des Schiedsrichterwesens. Seine erste Lizenz, die des Verbandsschiedsrichters, erwarb er 1996. 2004 folgte die nationale Schiedsrichterlizenz, 2008 die internationale. Im Jahr 2010 legte Sven die Lizenz zum nationalen Oberschiedsrichter ab, seit 2015 ist er internationaler Oberschiedsrichter („international Referee“).

In unserem Interview erzählt er uns von seinen Erfahrungen als Schiedsrichter, verrät uns seine spannendsten Einsätze und erklärt, warum das Schiedsrichterwesen ein so bedeutendes Amt ist und wie Vereine von Schiedsrichter-Lizenzen profitieren können.

Redaktion: Wir freuen uns sehr Sven, dass Du heute mit uns dieses Interview führst. Wir haben bereits einiges zu Deinem Werdegang als Schiedsrichter erfahren. Erzähle uns gerne einmal, wie Du zu dieser Tätigkeit gekommen bist und was Dich motiviert hat?

Sven: Der TTVWH hat Mitte der 90er Jahre den Pflicht-Schiedsrichter eingeführt. Vereine ohne Schiedsrichter mussten so eine Strafe zahlen. Mein Verein hat dann eine Umfrage gemacht und mein Bruder hat mich gefragt, ob ich mit ihm zusammen den Lehrgang machen will. Nach kurzer Zeit habe ich festgestellt, dass mir die Arbeit viel Spaß macht, und ich wurde für diverse Einsätze ausgewählt. Außerdem war ich 14 Jahre im Schiedsrichterausschuss des TTVWH in verschiedenen Positionen tätig.

Redaktion: Was war Dein bisher größter Einsatz als Schiedsrichter?

Sven: Ich hatte die Möglichkeit, bei diversen Welt- und Europameisterschaften dabei zu sein.
Zum Beispiel war ich als Schiedsrichter bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft 2006 in Bremen und bei der Europameisterschaft 2009 in Stuttgart im Einsatz. Außerdem hatte ich auch ein paar interessante Auslandseinsätze, unter anderem bei der Pro Tour ITTF in Kuwait.
Als Oberschiedsrichter war ich von der ITTF aus, der International Table Tennis Federation, beispielsweise bei der WM 2017 in Düsseldorf, bei der Jugend WM 2017 in Riva del Garda und bei der ersten WTT Smash 2022 in Singapore jeweils als Deputy Referee dabei. Von der ETTU aus war ich ebenfalls als Oberschiedsrichter beim Champions League Finale, bei der U21 EM 2020 in Varazdin, bei der EM 2022 in München dabei und werde jetzt auch bei der anstehenden Team EM 2023 in Malmö vor Ort sein. Auf nationaler Ebene habe ich als Oberschiedsrichter zum Beispiel beim TTBL-Pokalfinale oder bei der Deutschen Meisterschaft agiert.

Redaktion: Und was war Dein persönliches Highlight, beziehungsweise der spannendste Einsatz?

Sven: Dieser kommt vermutlich jetzt mit der Team-Europameisterschaft in Malmö, da dies mein erstes internationales Turnier mit der Tragweite als Gesamtverantwortlicher Referee ist.

Redaktion: Gibt es eine Situation oder ein Spiel, dass Dir besonders in Erinnerung geblieben ist, sei es aufgrund der Komplexität oder Bedeutung?

Sven: Ich habe jetzt keine spezielle Veranstaltung in Erinnerung behalten, aber meine erste rote Karte, mit der Disqualifikation eines Spielers bei einem internationalen Turnier, werde ich wohl nie vergessen.

Redaktion: Sprechen wir vielleicht einmal kurz über den Ausbildungsweg. Gibt es Voraussetzungen, also Fähigkeiten oder Qualifikationen, die man erfüllen sollte, wenn man Schiedsrichter werden will?

Sven: Man sollte mit dem Regeltext nicht unbedingt auf „Kriegsfuß“ stehen und bereit sein, sich auf die Anwendung der Regeln einzulassen. Außerdem sollte man Entscheidungen treffen können, beziehungsweise bereit sein, sich dies anzueignen.

Redaktion: Wir haben auf Instagram die Frage bekommen, ob man als Schiedsrichter selbst auch besonders gut Tischtennis spielen können muss? Ist die Spielstärke eine Voraussetzung, um die Ausbildung als Schiedsrichter erfolgreich abzuschließen?

Sven: Nein, keineswegs. Im Gegenteil – die wenigsten Schiedsrichter sind hochklassige Spieler. Hier sind die eben genannten Qualifikationen deutlich wichtiger.

Redaktion: Was lernt man in der Ausbildung zum Verbandsschiedsrichter bzw. Verbandsschiedsrichter am Tisch. Vielleicht kannst Du hier einmal auch kurz auf den generellen Unterschied eingehen?

Sven: Ja gerne. In der Ausbildung werden einem die diversen Regeln – wie die internationalen TT-Regeln oder die Wettbewerbsordnung – und insbesondere die Anwendung dieser Regeln beigebracht. Auch die Aufgaben und das Verhalten eines Schiedsrichters werden einem erläutert. Als Verbandsschiedsrichter wird man als Schiedsrichter am Tisch und als Oberschiedsrichter ausgebildet. Ein Einsatz ist dann in beiden Bereichen möglich. Ein Verbandsschiedsrichter am Tisch wird „nur“ als Schiedsrichter am Tisch ausgebildet und kann auch nur diese Einsätze wahrnehmen. Das ist sozusagen eine Vorstufe und soll zum Beispiel für jüngere Personen als Einstieg dienen.

Redaktion: Wie können wir uns denn die Arbeit als ausgebildeter Schiedsrichter im Detail vorstellen?

Sven: Einsätze als Verbandsschiedsrichter sind als Oberschiedsrichter möglich von der Verbandsoberliga bis hoch zur zweiten Bundesliga und als Schiedsrichter sind Einsätze in der zweiten und dritten Bundesliga möglich. Einsätze bei Turnieren sind als Oberschiedsrichter oder Schiedsrichter möglich, unter anderem auch bei Deutschen Meisterschaften. Als Schiedsrichter leitet man bei einem Mannschaftskampf der Bundesligen oder bei Meisterschaften einzelne Spiele am Tisch. Als Oberschiedsrichter trägt man vor allem die Gesamtverantwortung und ist den Regeln nach für bestimmte Entscheidungen zuständig, beziehungsweise entscheidet teilweise auch in „Streitfällen“.

Redaktion: Welche Verantwortlichkeiten hast Du während eines Spiels, um die Einhaltung der Regeln und Fairness sicherzustellen?

Sven: Der Schiedsrichter am Tisch leitet das Spiel. Aufgaben sind in den Regeln der internationalen TT-Regeln B gelistet. Der Grundsatz besteht daraus, dass der Schiedsrichter jeden Ballwechsel als Punkt oder Let zu werten hat. Zur Einhaltung der Fairness, das ist aber eher kleineres Problem im Tischtennis, hat der Schiedsrichter auch Karten, also gelbe, gelb-rote oder rote, zum Verteilen.

Redaktion: Leider zeigte sich in den vergangenen Jahren ein absteigender Trend der Schiedsrichterzahlen. Das zeigt sich auch in unserem Bezirk, dem TTBW und generell auch im DTTB. Woran kann es liegen, dass immer weniger Schiedsrichter werden wollen, wo das Amt doch eigentlich, besonders auch für junge Leute, total spannend ist?

Sven: Der Rückgang hängt mit dem generellen gesellschaftlichen Problem zusammen, dass die Leute sich nicht mehr so häufig an ein längerfristiges Ehrenamt binden wollen. Junge Schiedsrichter springen auch immer mal wieder ab, sei es aufgrund des Berufs, des Studiums und so weiter. Außerdem hat Schiedsrichter zu sein unter den Ehrenämtern nicht immer den besten Ruf – gilt oft als Prellbock.

Redaktion: Gibt es Maßnahmen, die vielleicht auch Vereine treffen können, um das Schiedsrichterwesen wieder etwas attraktiver zu gestalten. Beziehungsweise wurden vielleicht auch schon auf Ebene des TTBW Maßnahmen entwickelt, um dies zu tun?

Sven: Das Thema Schiedsrichter-Gewinnung ist im Ressort Schiedsrichter des DTTB wie auch in den Schiedsrichter-Ausschüssen der einzelnen Verbände ein wichtiges Thema. Verschiedene Maßnahmen wurden bereits diskutiert. Die Abteilungsleiter sollten auf jeden Fall die Ausschreibungen für Lehrgänge an alle Mitglieder der Abteilung verteilen. Bisherige Maßnahmen waren beispielsweise Werbeflyer, Berichte über Schiedsrichter auf der Homepage oder auch Regelkunde beim Vereins-Servicetag. Außerdem sollten die Vorteile des Schiedsrichterjobs vermittelt werden. Es stärkt nämlich meines Erachtens auch die eigene Persönlichkeitsentwicklung und die Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung sind enorm hoch. Auch die Vereine profitieren natürlich finanziell von den vorhandenen Lizenzen.

Redaktion: Angenommen junge Spieler interessieren sich dazu, den Lehrgang Verbandsschiedsrichter oder Verbandsschiedsrichter am Tisch zu machen, sind sich aber noch unsicher, wie der Einsatzplan nach der Ausbildung grob aussehen würde. Kannst du etwas dazu sagen?

Sven: Grundsätzlich sind nach der Schiedsrichter-Ordnung mindestens fünf Einsätze in einer Saison zu leisten. Man kann jedoch beim Einsatzplan sich im Vorfeld mit seinem Bezirksobmann bei den Terminen abstimmen und so beispielsweise Zeiten für Prüfungen oder Termine blocken. Auf Flexibilität wird da grundsätzlich viel Wert gelegt.

Redaktion: Welche Ratschläge würdest Du angehenden Tischtennis-Schiedsrichtern mit auf den Weg geben, die in diesem Bereich Fuß fassen möchten?

Sven: Es ist auf jeden Fall immer hilfreich, mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu sprechen, sofern möglich, viele Einsätze zu machen und sich bei Interesse weiter zu qualifizieren, damit man noch interessantere Einsätze wahrnehmen kann. Das geht im Tischtennis außerdem deutlich schneller als beispielsweise im Fußball. Wer das nötige Engagement und der Bereitschaft hat, genügend Einsätze zu leisten, der wird hier deutlich schneller bei wirklich großen Turnieren eingesetzt.

Redaktion: Wie siehst Du die Zukunft des Schiedsrichter-Wesens in Hinblick auf technologische Entwicklungen oder Regeländerungen? Hast Du schon Veränderungen bemerkt? Techniken zum Videoüberprüfen wurden ja schon einmal getestet; dies wird vermutlich nur bei Top-Events eingesetzt, oder…?

Sven: Naja, es ist eher fraglich, ob solch eine Technik eingesetzt wird. Es gab auch schon Testevents. Da man jedoch für jeden Tisch 14 Kameras plus IT-Team benötigt, ist dies vom Aufwand und den Ressourcen quasi unmöglich. Ein Versuch ein Reviewsystem einzuführen, „schlummert“ schon Jahre dahin. Nichts war in den vergangenen 20 Jahren deshalb stetiger als Regeländerungen, sei es beim Aufschlag, der Satzlänge etc.

Redaktion: Abschließende Frage: Hast Du noch ein persönliches Ziel, beziehungsweise gibt es eine bestimmte Veranstaltung, bei der Du gerne mal als Schiedsrichter dabei wärst?

Sven: Ja auf jeden Fall. Ich denke, von einem Einsatz bei großen, bedeutenden Turnieren, von Olympia, träumt wohl jeder Schiedsrichter – so ich auch.

Redaktion: Vielen Dank Sven für die spannenden Einblicke in den Bereich Schiedsrichter. Wir wünschen Dir viel Erfolg bei der Team-EM in Malmö.

Sven: Sehr gerne doch und vielen Dank.

Ihr habt Interesse daran, eine Ausbildung als Verbandsschiedsrichter (oder Verbandsschiedsrichter am Tisch) zu machen? Dann meldet Euch gerne bei Kai-Uwe Krohmer unter kai-uwe74@gmx.de. Er wird Euch über die nächsten Ausbildungsmöglichkeiten informieren.

Habt Ihr Interesse daran, einen Schiedsrichter einmal bei einem Einsatz zu begleiten? Dann wendet Euch gerne direkt an Sven Weiland unter weiland.dttb@tischtennis.de.

Für mehr Informationen zum Thema Schiedsrichter folgt uns gerne auch auf Instagram (tt_bezirk_staufen).

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